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· solarpick Redaktion

Ost-West-Ausrichtung bei Photovoltaik: Lohnt sich das — oder besser Süddach?

Dein Dach zeigt nach Osten und Westen — und jetzt fragst du dich, ob sich Photovoltaik überhaupt lohnt oder ob du auf einen Bruchteil des Ertrags verzichtest, den dein Nachbar mit Süddach erntet. Die gute Nachricht: Ein Ost-West-Dach ist für Photovoltaik oft besser geeignet, als sein Ruf vermuten lässt. Und in manchen Situationen schlägt es das Süddach sogar in der Praxis.

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Wie viel Ertrag verliert man mit Ost-West-Ausrichtung?

Kurze Antwort (Snippet): Eine Ost-West-Ausrichtung bringt ca. 80–85 % des Jahresertrags einer ideal ausgerichteten Südanlage. Der flachere Ertragsverlauf über den Tag macht sie aber oft besser für den Eigenverbrauch.

Zur Einordnung: Eine optimal ausgerichtete Südanlage (ca. 30–35° Neigung, kein Schatten) erreicht in Deutschland einen Jahresertrag von ca. 900–1.100 kWh/kWp (im Süden bis ca. 1.200 kWh/kWp). Eine Ost-West-Anlage kommt je nach Neigungswinkel und genauer Ausrichtung auf ca. 720–950 kWh/kWp — das entspricht dem genannten 80–85-Prozent-Korridor.

Wichtig: Diese Faustregel gilt für typische Winkel. Flachere Ost-West-Dächer (15–25°) erzielen oft bessere Ergebnisse als steil geneigte, weil die Fläche morgens und abends günstiger zur Sonne steht. Der Unterschied zum Süddach ist also real, aber kleiner als viele vermuten.


Warum der Ertragsverlauf entscheidend ist

Der eigentliche Vorteil des Ost-West-Dachs liegt nicht im maximalen Jahresertrag, sondern in der Verteilung der Produktion über den Tag.

Eine Südanlage produziert fast ihren gesamten Tagesertrag zwischen ca. 10 und 15 Uhr — mit einem sehr steilen Mittagsberg. Zu dieser Zeit ist in vielen Haushalten der Verbrauch gering: Die Spülmaschine läuft schon, das Warmwasser ist aufbereitet, niemand ist zu Hause. Der Strom wird also eingespeist, nicht selbst verbraucht — zu 7,78 ct/kWh statt zum gesparten Haushaltsstrompreis von ca. 30–35 ct.

Eine Ost-West-Anlage produziert dagegen:

  • Morgens (Ost-Seite): Strom ab ca. 7–8 Uhr, wenn Kaffee gekocht wird, die Dusche läuft, das Haus aufwacht
  • Abends (West-Seite): Strom bis ca. 18–20 Uhr, wenn Kochen, Wäsche und Geräteladung stattfinden
Das führt zu einem flacheren, breiteren Ertragsprofil — weniger Spitze, mehr nutzbare Stunden. In der Praxis kann eine Ost-West-Anlage trotz 15–20 % weniger Jahresertrag einen ähnlich hohen oder sogar höheren Eigenverbrauchsanteil erzielen als eine Südanlage.


Verschattung und Überproduktionsvermeidung

Verschattungsoptimierung: Beim Ost-West-Dach stehen Ost- und Westseite unabhängig voneinander zur Sonne. Das bedeutet: Selbst wenn ein Schornstein oder ein Dachfenster einen Teil der Ostseite verschattet, läuft die Westseite unbeeinträchtigt. Mit einem Wechselrichter mit zwei MPPT-Eingängen (oder zwei Wechselrichtern) kannst du die beiden Dachseiten unabhängig voneinander optimieren.

Überproduktionsvermeidung: Bei einer Südanlage mit flachem Dach und großer installierter Leistung kann die Mittagsproduktion die 70-%-Begrenzung (§9 EEG) hart treffen — genau dann, wenn die Anlage am meisten produziert und du am wenigsten selbst verbrauchst. Beim Ost-West-Dach ist die Spitzenproduktion von Natur aus geglättet: Ost- und Westseite produzieren nicht gleichzeitig ihr Maximum. Das reduziert die gedrosselte Leistung und kann die tatsächlichen Abregelungsverluste deutlich senken.

Fazit für die 70-%-Regel: Wenn du eine mittelgroße Anlage (8–20 kWp) planst und eine Südanlage in Kombination mit einem Speicher installieren würdest, kann eine Ost-West-Anlage ohne Speicher wirtschaftlich mithalten — weil weniger abgeregelt wird und der Eigenverbrauchsanteil von Natur aus höher liegt.


Flach vs. steil: Welcher Neigungswinkel passt zum Ost-West-Dach?

Beim Ost-West-Dach ist der Neigungswinkel entscheidend für die Ertragsverteilung:

  • Steiles Dach (40–50°): Ost-Seite produziert besonders gut am Morgen, West-Seite am Nachmittag — das Profil ist zweigipflig und morgens wie abends stark, zur Mittagszeit schwächer.
  • Flaches Dach (10–25°): Geringerer Neigungsunterschied zur Sonne; das Profil ist gleichmäßiger und der Mittag ist stärker vertreten, der Unterschied zum Süddach geringer.
Für Flachdächer (z. B. Carports, Garagendächer, Flachdach-Einfamilienhäuser) ist die Ost-West-Aufständerung eine Standardlösung: Module werden in zwei Reihen auf Aufständerungen montiert, eine Reihe Richtung Osten, eine Richtung Westen. Das erlaubt außerdem, mehr Module pro Fläche zu installieren, weil die gegenseitige Verschattung bei niedrigen Neigungswinkeln deutlich geringer ist als bei steiler nach Süden ausgerichteten Modulen.

Grobe Faustregel für Flachdachmontage: Bei 10–15° Neigung können ca. 20–30 % mehr Module auf derselben Dachfläche im Ost-West-Muster montiert werden als in einer steilen Süd-Konfiguration — das gleicht den Ertragsnachteil pro Modul teilweise aus.


Wann ist das Ost-West-Dach die bessere Wahl?

Eine Ost-West-Ausrichtung ist besonders sinnvoll, wenn:

Dachgeometrie es vorgibt: Dein Gebäude hat keine nutzbare Südfläche, aber gute Ost- und Westflächen. Das ist bei Häusern mit Firstlinie von Nord nach Süd der Normalfall.

Hoher Eigenverbrauch das Ziel ist: Du arbeitest im Homeoffice, hast eine Wärmepumpe oder ein Elektroauto — und verbrauchst morgens und abends viel Strom. Dann nutzt du den Ost-West-Vorteil direkt.

Du keinen oder einen kleinen Speicher willst: Die natürliche Glättung des Ertragsprofils macht einen Speicher weniger zwingend notwendig. Die gesparten Speicherkosten können den Ertragsnachteil gegenüber dem Süddach mehr als ausgleichen.

Die 70-%-Regelung dich stark trifft: Bei einer großen Anlage auf einem Süddach kann die Mittagskappung spürbar sein. Ost-West reduziert dieses Problem.

Dagegen spricht für Süddach:

  • Du willst den maximalen Jahresertrag und hast wenig Eigenverbrauch
  • Du planst sowieso einen großen Batteriespeicher (der den Mittagsberg speichert)
  • Das Dach zeigt fast genau nach Süden und hat keine nennenswerte Verschattung
  • Der Neigungswinkel liegt nahe am Optimum (ca. 30–35°)

Wirtschaftlichkeitsvergleich: Ein Rechenbeispiel

Nehmen wir zwei vergleichbare 10-kWp-Anlagen an, beide ohne Speicher, Haushalt mit mäßigem Eigenverbrauch:

Südanlage:

  • Jahresertrag ca.: 9.800 kWh
  • Eigenverbrauchsanteil ca.: 25 % (die meiste Produktion fällt auf die Mittagszeit, wenig Verbrauch)
  • Eigenverbrauch ca.: 2.450 kWh × 0,30 € = ca. 735 €
  • Einspeisung ca.: 7.350 kWh × 0,0778 € = ca. 572 €
  • Summe ca.: 1.307 €
Ost-West-Anlage:
  • Jahresertrag ca.: 8.300 kWh (85 % des Süd-Ertrags)
  • Eigenverbrauchsanteil ca.: 35 % (Morgen- und Abendproduktion passt besser zum Lastprofil)
  • Eigenverbrauch ca.: 2.905 kWh × 0,30 € = ca. 872 €
  • Einspeisung ca.: 5.395 kWh × 0,0778 € = ca. 420 €
  • Summe ca.: 1.292 €
In diesem Beispiel liegen beide Szenarien wirtschaftlich sehr nah beieinander — obwohl die Ost-West-Anlage ca. 15 % weniger Jahresertrag hat. Der höhere Eigenverbrauchsanteil gleicht den Minderertrag fast vollständig aus.

Dieses Rechenbeispiel dient der Veranschaulichung; die tatsächlichen Werte hängen stark von Standort, Neigungswinkel, Eigenverbrauchsprofil und Strompreis ab.


FAQ: Ost-West-Photovoltaik

Wie viel Ertrag verliert man mit Ost-West-Ausrichtung gegenüber Süd? Eine Ost-West-Anlage erzielt ca. 80–85 % des Jahresertrags einer vergleichbaren Südanlage. Das sind je nach Standort ca. 100–200 kWh/kWp weniger im Jahr — aber durch den besseren Eigenverbrauchsanteil ist der wirtschaftliche Unterschied oft geringer als diese Zahl suggeriert.

Brauche ich bei einem Ost-West-Dach einen Batteriespeicher? Nicht zwingend. Das flachere Ertragsprofil morgens und abends passt oft besser zum typischen Haushaltslastprofil als das Mittagsberg-Profil einer Südanlage. Ein Speicher kann sinnvoll sein, ist aber weniger dringend notwendig als bei einer reinen Südanlage.

Welcher Wechselrichter eignet sich für Ost-West-Dächer? Du benötigst einen Wechselrichter mit zwei unabhängigen MPPT-Eingängen (Multi-Point Power Tracking), damit Ost- und Westseite unabhängig voneinander optimiert werden. Viele moderne String-Wechselrichter bieten das ab Werk. Alternativ können zwei separate Wechselrichter eingesetzt werden.

Lohnt sich Ost-West auch bei wenig Eigenverbrauch? Weniger als bei hohem Eigenverbrauch. Mit niedrigem Eigenverbrauch und gleichzeitig weniger Jahresertrag als Süd kann die Wirtschaftlichkeit der Ost-West-Anlage leicht schlechter ausfallen. In diesem Fall wäre eine Südanlage mit Speicher zu prüfen.

Kann ich auf einem Ost-West-Dach mehr Module installieren? Auf Flachdächern ja: Durch den niedrigen Neigungswinkel und die gegenläufige Ausrichtung beschatten die Modulreihen einander kaum, sodass du sie enger aufstellen kannst. Das erhöht die installierbare Leistung pro Fläche.

Was ist, wenn mein Dach leicht nach Südwest oder Südost ausgerichtet ist? Eine Abweichung von bis zu ca. 30–45° von Süd kostet nur wenige Prozent Jahresertrag — das ist vernachlässigbar. Erst ab einer deutlichen Ost- oder West-Orientierung sprichst du von einer "Ost-West-Anlage" im eigentlichen Sinne.


Fazit

Das Ost-West-Dach ist keine Kompromisslösung — es ist eine eigenständige, oft unterschätzte Option, die besonders für Haushalte mit morgens und abends hohem Verbrauch gut passt. Wer keinen Speicher möchte, von der 70-%-Kappung wenig betroffen sein will und einen natürlich glatten Ertragsverlauf bevorzugt, fährt mit Ost-West häufig besser als erwartet. Die ca. 15–20 % Ertragsdifferenz zur idealen Südanlage werden durch höheren Eigenverbrauch und reduzierte Speicherkosten in der Praxis oft mehr als aufgewogen. Wenn dein Dach keine Wahl lässt, kannst du beruhigt planen — und wenn du die Wahl hast, lohnt es sich, beide Varianten mit einem konkreten Wirtschaftlichkeitsvergleich durchzurechnen.

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